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Tages-Anzeiger vom 24. Juli 1998

Die Reproduktionsmedizin ist ein ethisches Minenfeld

Weltweit wurden bisher rund 300 000 Menschen im Reagenzglas gezeugt. Noch nie zuvor war der Beginn des menschlichen Lebens in solchem Masse verfügbar und auch manipulierbar.

Mit Alberto Bondolfi sprach Barbara Reye

Spätestens seitdem die intimste Sache der Welt - die Vereinigung von Ei- und Samenzelle - aus dem Dunkel des Leibes ins grelle Licht des Labors verlegt wurde, sind Reproduktionsmediziner gewillt, alles technisch Machbare auch irgendwie umzusetzen. Ist es moralisch überhaupt vertretbar, in den Reproduktionsprozess einzugreifen?
Bereits bei der Verhütungsdebatte stellte sich die Frage, ob der Mensch zu den von der Natur gegebenen Fortpflanzungsmechanismen verdammt ist oder ob er eine gewisse Gestaltungsmöglichkeit oder sogar -pflicht hat. Meiner Meinung nach ist es nicht verwerflich, die Probleme der Sterilität mit moderner Technik zu überwinden.

Die Fortpflanzungsfreiheit ist ein Ausdruck der Autonomie des Menschen. Sie darf aber nur so weit durchgesetzt werden, dass die legitimen Interessen anderer Menschen - auch werdender - nicht verletzt werden. Ausserdem muss sie stets dem Wohl des Kindes und der Menschenwürde aller Beteiligten untergeordnet bleiben. So bin ich beispielsweise gegen eine Post-mortem-Insemination, wie es in Belgien kürzlich geschehen ist. Von einem toten Vater gezeugt zu werden ist nicht im Sinne aller, sondern nur der Mutter.

Lösen die neuen Möglichkeiten einer künstlichen Fortpflanzung statt Freiheit nicht vielmehr einen krampfhaften Zwang zur Fortpflanzung aus?
Das ist richtig. Viele fühlen sich unter Druck gesetzt, dass es unbedingt klappen muss und etwas "Gutes" dabei herauskommt.

Was eine Chance für ein einzelnes Paar sein kann, wird somit zu einer Bedrohung für die Gesellschaft. Der medizinische Weg darf nicht zum Ziel werden, sondern nur als Mittel dienen. Sonst sollte man es lieber lassen.

Statt der teils starken psychischen Belastung durch eine solche Behandlung gäbe es ja auch noch die Möglichkeit einer Adoption.
Häufig hört man den Vorwurf, dass Kinder in der Dritten Welt verhungern und man hier alles tut, um auch unter schwierigsten Umständen Nachwuchs in die Welt zu setzen. Doch das Argument ist nicht stichhaltig, da man Äpfel mit Birnen vergleicht.

Genausowenig kann ich ein unfruchtbares Paar dadurch trösten, dass in unseren Breiten ein grosszügiger Embryozid gestattet ist. Denn Frauen, die eine Schwangerschaft abbrechen, sind nicht dieselben wie jene, die sich sehnlichst ein Kind wünschen.

In Grossbritannien darf ein Embryo auch noch 14 Tage nach der Befruchtung eingefroren, ausrangiert und zu Forschungszwecken benutzt werden. Wird ein solcher Zellhaufen noch nicht als potentieller Mensch geachtet, weil er in diesem Stadium weder Schmerz noch Lust empfindet?
Es hat keinen Sinn Etappen zu definieren, ab wann eine Ansammlung von Zellen aus menschlichem Material der Spezies Homo sapiens zuzuschreiben ist. Wichtig bei der Bewertung solcher Fragen ist, dass man den Status eines heranwachsenden Menschen nicht allein von Aussagen der Mikrobiologie und Embryologie festlegen kann. Es ist ein kontinuierlicher Prozess, der neben der naturwissenschaftlichen Definition vor allem auch eine moralische Verantwortung gegenüber dem heranwachsenden Kind verlangt. In dem Moment, in dem wir in den Prozess eingreifen und ihn unterbrechen, müssen wir dies bewusst tun - und wichtige Gründe für unser Handeln haben.

Das Herumhantieren mit Präembryonen, die nicht im Dienste der Fortpflanzung sind, entspricht nicht unseren moralischen Vorstellungen. Ein solches Vorgehen ist in der Schweiz oder etwa auch in Deutschland verboten. Darüber hinaus ist es hierzulande - im Gegensatz zu Grossbritannien - nur erlaubt, sie im Vorkernstadium einzufrieren, die Kerne der Ei- und Samenzelle sind also noch nicht verschmolzen.