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bild der wissenschaft vom 12. April 2000

Deutschlands erstes Retortenbaby wird volljährig

Oliver erblickte vor 18 Jahren per Kaiserschnitt das Licht der Welt und war eine medizinische Sensation: Erstmals hatten Mediziner in Deutschland ein Kind im Reagenzglas gezeugt. Das erste deutsche Retortenbaby wurde am 16. April 1982 in der Frauenklinik der Universität Erlangen-Nürnberg putzmunter geboren.

Er wog 4.150 Gramm und war 53 Zentimeter groß. "Olivers Geburt war eine Revolution", sagt Mediziner Siegfried Trotnow, der damals Olivers Eltern zum Kind verhalf. "Seit diesem Tag konnten wir 85 Prozent unserer Patientinnen helfen, die vorher als unbehandelbar galten."

An diesem Sonntag wird der Bub aus Oberfranken volljährig. Oliver hat die Schule abgeschlossen und macht eine Lehre. Das 1978 geborene weltweit erste Retortenbaby, Louise Brown aus England, ist inzwischen selbst stolze Mutter. "Künstlich gezeugte Kinder sind ganz normale Kinder", sagt Ludwig Wildt, Leiter der Erlanger Frauenklinik. "Sie lernen im selben Alter wie andere Kinder das Sprechen, sie werden genauso groß und schreiben dieselben Noten in der Schule."

Eine Erlanger Studie hat zehn Jahre nach Olivers Geburt gezeigt, dass der Junge wie andere Retortenbabys keine Auffälligkeiten zeigt.

Das Stigma der Retorte bleibt
Vor seinem 18. Geburtstag gibt sich Oliver ebenso pressescheu wie seine Eltern. "Das Kind soll ohne viel Rummel aufwachsen", lautet die knappe Auskunft der Mutter. Diese Zurückhaltung ist nach Ansicht von Experten bei Paaren mit künstlich gezeugten Kindern häufig. "Viele Eltern wollen die künstliche Befruchtung möglichst bald vergessen, weil sie ein Stigma ist und die Paare sich als ,nicht ganz normal' fühlen", sagt Michael Thaele, Vorsitzender des Bundesverbandes Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands (BRZ) in Saarbrücken.

Dabei ist die so genannte "in-vitro-Fertilisation" heute ein Routineeingriff. Bisher sind nach Schätzung des BRZ in Deutschland rund 80. 000 Kinder so auf die Welt gekommen, weltweit sind es mehr als 500.000 Kinder. "Die Hoffnungen der Mediziner sind bei weitem übertroffen worden", sagt Wildt. 60 bis 80 Prozent aller Paare kann heute nach Angaben des Verbands zum heiß ersehnten Kind verholfen werden. Während vor 18 Jahren nur Frauen in Frage kamen, deren Eileiter verschlossen waren, können Paare heute auch bei männlicher Unfruchtbarkeit ein Wunschkind bekommen.

Die Methode ICSI (Intracytoplasmatische Spermien-Injektion), bei der eine Samenzelle direkt in die Eizelle injiziert wird, macht dies seit 1992 möglich. Die Krankenkassen fürchten dabei jedoch Fehlbildungen und haben die Finanzierung im Juli 1999 eingestellt. Ein weiteres Problem der künstlichen Befruchtung ist der doppelte und dreifache Kindersegen: Weil pro Behandlung bis zu drei befruchtete Eizellen in die Gebärmutter eingesetzt werden, bekommt im Durchschnitt jede fünfte Frau Zwillinge, zwei Prozent sogar Drillinge. Ungewollt kinderlos bleibt in Deutschland etwa jede sechste Ehe - Tendenz steigend. Schuld daran sind nach Auskunft von Medizinern unter anderem schädliche Umwelteinflüsse und immer ältere werdende Mütter.

[Quelle: dpa] ©1996-2000 bild der wissenschaft