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SonntagsZeitung
vom 5. März 2000 - Sonntagsgespräch
«Die
Schweizer Gesetze sind doch lächerlich»
Carl Djerassi, Erfinder
der Pille, über Kinderwahl und Fortpflanzungsinitiative
von Odette Frey
SonntagsZeitung: Professor
Djerassi. Mögen Sie James Bond?
Carl Djerassi: Ich würde
keine Karte für einen Bond-Film kaufen. Warum fragen Sie?
Sie wurden einmal mit Bond
verglichen: Trotz Ihres Alters seien Sie noch sehr attraktiv, und ausserdem
hätten Sie eine Vorliebe für schöne Frauen.
Djerassi: Letzteres stimmt sicherlich.
Aber so ein Macho wie Bond bin ich ganz und gar nicht.
Als Erfinder der Antibabypille
sind Sie am Männer-Typ Bond allerdings nicht ganz unschuldig.
Djerassi: Klar, viele behaupten,
die Pille sei verantwortlich für die sexuelle Revolution.
Stimmt das etwa nicht?
Djerassi: Die Sechzigerjahre
waren auch die Zeit des Rock 'n' Roll, der Drogenkultur und der Hippies.
Die Pille hat das Rumschlafen natürlich erleichtert. Ohne sie hätte
es sehr viel mehr unerwünschte Schwangerschaften gegeben. Die Pille
hat also sicher viele Tragödien verhindert.
Als Sie als 28-Jähriger
den ersten Pillenwirkstoff im Labor herstellten, war Ihnen klar, was das
für Folgen haben würde?
Djerassi: Nein. Niemand konnte
das damals wirklich wissen. Klar, einige von denen, die damals dabei waren,
behaupten, sie hätten das vorausgesehen. Dafür gibt es zwei
Erklärungen: Entweder sie lügen ganz einfach. Oder sie romantisieren
die Vergangenheit. Das ist diese Automythologisierung, die nach dreissig,
vierzig Jahren auftritt. Niemand konnte erwarten, dass die Frauen die
Pille so rasch aufnehmen würden.
Hat die Pille die Beziehung
zwischen den Geschlechtern verändert?
Djerassi: Nun, alle Verhütungsmittel, aber vor allem die Pille, haben
Sex und Fortpflanzung voneinander getrennt. Die Machtverhältnisse,
was den Geschlechtsverkehr angeht, haben sich aber nicht gross verändert.
Die meisten Frauen warten doch immer noch, bis der Mann die Initiative
ergreift. Oder sie machen es so diplomatisch, dass der Mann glaubt, er
habe die Initiative ergriffen. Das ist nun einmal das Menuett des Geschlechterverkehrs.
Wie steht es mit der modernen
Fortpflanzungsmedizin? Wie wird sie sich auswirken?
Djerassi: Die Pille war der
erste Schritt, der Sex und Fortpflanzung voneinander trennte. Die assistierte
Fortpflanzungsmedizin ist jetzt der zweite Schritt. Insbesondere das ICSI-Verfahren,
bei dem ein einziges Spermium ausreicht, um ein Ei in vitro zu befruchten.
Diese zwei Dinge zusammen - Verhütung und In-vitro-Fertilisation
- machen die Sache kompliziert. Vor allem ICSI wirft allerlei ethische,
moralische und soziologische Fragen auf. Haben Sie Kinder?
Nein.
Djerassi: Ah, sehen Sie, dann sind Sie ein gutes Beispiel. Nehmen Sie
jemanden, der jung und berufstätig ist und das Kinderkriegen aufschiebt.
Eines Tages, Ende dreissig, Anfang vierzig ist es dann aber sehr viel
schwieriger, noch schwanger zu werden. Im Gegensatz zu den Männern
ist es biologisch gesehen für eine Frau viel besser, in jungen Jahren
Kinder zu kriegen.
Was ändert die Fortpflanzungsmedizin
daran?
Djerassi: Dank ICSI könnten
Frauen möglicherweise eines Tages ihre Eier in jungen Jahren einfrieren.
Und weil die Gebärmutter nicht so schnell altert wie die Eierstöcke,
könnten sie dann später, - sogar noch nach der Menopause - Kinder
kriegen. Aber ICSI würde den Einfluss der Frau auf die Fortpflanzung
noch aus einem anderen Grund erhöhen: Sie könnte in eine Samenbank
gehen und sich genau den Samen aussuchen, den sie möchte. Beipielsweise
ein Y-Spermium, um einen Jungen zu kriegen.
Und wie verändert das
die Beziehung zwischen Mann und Frau?
Djerassi: Die Position der Frau
würde stärker. Sie reduziert den Mann auf ein einziges Spermium.
Die genetische Befruchtungsrolle des Mannes wird total unwichtig. Seine
Funktion als sozialer Vater ist viel wichtiger.
Und warum soll das die Position
der Frau stärken?
Djerassi: Nun, sie kann sich
einen guten biologischen Vater, also gutes genetisches Material, suchen.
Vielleicht einen James Bond. Und dann einen anderen, guten sozialen Vater.
Der mit den Kindern auf
den Spielplatz geht?
Djerassi: Ja. Oder können
Sie sich James Bond auf dem Spielplatz vorstellen?
Schlecht.
Djerassi: Sehen Sie. Die Frau
hat dann die Auswahl. Bei Tieren ist es doch oft genauso. Bei vielen Vögeln,
von denen man dachte, sie seien monogam, hat man mit genetischen Tests
festgestellt, dass in vielen Fällen der Partner gar nicht der Vater
des Nachwuches ist. Und bei den Menschen ist es ja schon jetzt nicht viel
anders. Studien haben gezeigt, dass 70 bis 80 Prozent aller Verheirateten
schon
Wie nennt man das, «adultery»?
Seitensprung.
Djerassi: (lacht) Was für
ein höfliches Wort! Deutsch ist schon eine komische Sprache. Auf
Schweizerdeutsch heisst es dann wahrscheinlich Seitensprüngli?
Das fehlt noch. Aber glauben
Sie wirklich, dass Frauen auf diese Art und Weise Kinder kriegen wollen?
Nach der Menopause, mit einem biologischen und einem sozialen Vater?
Djerassi: Nun, das ist natürlich
hypothetisch. Aber gewisse Frauen würden das bestimmt machen. Von
den berufstätigen Frauen, die Karriere machen wollen, sicher mehr
als zwei oder drei Prozent. Solche Frauen sind oft auch wählerischer
und brauchen länger, bis sie den richtigen Mann gefunden haben. Dann
haben sie nicht mehr genügend Zeit, das Kind zu kriegen. Manche von
diesen würden bestimmt eine Spermienbank aufsuchen.
Wird der Mann überflüssig?
Djerassi: Keineswegs. Davor
habe ich keine Angst. Für die Freude am Geschlechtsverkehr wird die
Frau den Mann immer brauchen. Männer, die davor Angst haben, sind
schwache Männer.
Würden Sie eine solche
Entwicklung denn gutheissen?
Djerassi: Teilweise schon. Aber
es gibt keine schwarz-weisse Antwort auf eine graue Frage. Das wichtigste
Wort in Zukunft wird nicht SEX sein, sondern ABER. Denn was die Fortpflanzungsmedizin
betrifft, kann man eigentlich immer sagen: Unter gewissen Bedingungen
ist sie gut. ABER unter anderen Bedingungen ist sie nicht gut oder sogar
fürchterlich.
Zum Beispiel?
Djerassi: Die Geschlechterwahl
zum Beispiel. In Europa oder in den USA spielt es eigentlich keine Rolle,
ob man eine solche Wahl hat oder nicht. Die Vorlieben für einen Sohn
oder für eine Tochter würden sich wohl die Waage halten. Aber
wenn wir von anderen Ländern sprechen, sagen wir Indien oder China,
wo die Leute lieber einen Sohn kriegen, dann ist das eine andere Sache.
Dort würde sich das Geschlechterverhältnis bald stark verschieben,
und man hätte plötzlich viel mehr Männer als Frauen.
Es wäre aber schwierig,
die Geschlechterselektion in Indien oder China anzuprangern, wenn wir
es selber tun. Bräuchte man nicht Regeln, die für alle genau
gleich gelten?
Djerassi: Das ist unmöglich.
Die Kulturen sind eben zu verschieden. Es wäre auch arrogant, würden
die Schweizer oder die Amerikaner den Chinesen ihre ethischen Grundsätze
aufdrücken wollen. Ausserdem sind die ethischen Fragen für uns
schon kompliziert genug.
Wie sollen
wir denn mit ihnen umgehen?
Djerassi: Das Wichtigste ist,
meiner Meinung nach, dass man den Leuten die Grundlagen der Technologie
so weit wie möglich erklärt. Deshalb schreibe ich jetzt auch
Theaterstücke und Romane, in denen die wissenschaftlichen Details
sehr genau stimmen. Das ist für Leute gedacht, die nie einen Artikel
darüber in der Zeitung lesen würden. So will ich gewisse Ideen
in ihre Köpfe hineinschmuggeln.
 
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