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«Die Schweizer Gesetze
sind doch lächerlich»,
Teil 2
Was für
Ideen?
Djerassi: In meinem Stück
«Unbefleckt» sehen die Zuschauer eine fünfminütige
Szene über ICSI, wie es funktioniert. Sie sehen das so, dass sie
es nie wieder vergessen werden. Auch wenn sie über die möglichen
Konsequenzen von ICSI empört sind, verstehen sie, wie kompliziert
das Ganze ist. Sie begreifen, dass man die Technologie nicht einfach verbieten
kann.
Warum nicht?
Djerassi: Weil es weltweit schon
10 000 ICSI-Kinder gibt. Und wenn es in einem Land verboten ist, dann
gehen die Leute eben in ein anderes.
In der Schweiz
stimmen wir nächsten Sonntag über eine Initiative ab, die nicht
nur ICSI verbieten will, sondern die gesamte In-vitro-Fertilisation. Auch
die Samenspende wäre dann verboten.
Djerassi: Ich habe Verständnis
für Leute, welche die IVF ablehnen. Aber es ist ein Unterschied,
ob jemand das privat für sich ablehnt oder ob es per Gesetz für
alle verboten ist.
Könnte
man ein generelles Verbot denn rechtfertigen?
Djerassi: Nein, absolut nicht.
Die Entscheidung für oder gegen die Reproduktionsmedizin ist eine
Entscheidung, die jeder nur für sich selbst treffen kann. Kein Land
kann in diesem Bereich formelle Gesetze haben. Das beste Beispiel, dass
das nicht funktioniert, ist die katholische Kirche. Diese verbietet sowohl
Verhütungsmittel als auch Abtreibung. Doch die zwei Länder,
die heute die kleinsten Familien aufweisen, sind Italien und Spanien.
Obwohl das zwei durch und durch katholische Länder sind.
Die Leute
lassen sich in ihre Fortpflanzung also nicht dreinreden?
Djerassi: Genau. Ein Verbot
macht keinen Sinn. Natürlich bleibt es jedem freigestellt, andere
von seiner Anschauung zu überzeugen. Aber man muss gute Argumente
haben. Diejenigen, die sich strikt gegen jegliche IVF sträuben, glauben
oft, es sei die Technologie selbst, die uns die ethischen Probleme beschert.
Aber man muss bedenken, dass IVF erfunden wurde, um ein ganz bestimmtes
Problem zu lösen: die Unfruchtbarkeit. Die anderen ethisch problematischen
Anwendungen wie die Geschlechterwahl und die Schwangerschaft nach der
Menopause sind erst auf Druck der Leute entstanden. Das waren nicht die
ursprünglichen Ziele der Forscher. Es ist die Gesellschaft, die die
Technologie immer weiter vorantreibt, und nicht umgekehrt.
Genau diese
Entwicklung wollen die Initianten in der Schweiz nun stoppen. Sie befürchten
beispielsweise, dass sich über die IVF eugenische Tendenzen einschleichen
könnten.
Djerassi: Ich, der ich als jüdischer
Flüchtling vor den Nazis geflohen bin, würde wohl kaum einer
Eugenik das Wort reden. Aber ich glaube, dass Eltern ein Recht auf eine
Art «Mikro-Eugenik» haben sollten, wenn es darum geht, schwere
Erbkrankheiten wie das Down-Syndrom zu verhindern. Das ist natürlich
eine Art Eugenik, aber warum sollte man nicht einen gesunden Embryo auswählen,
wenn man die Möglichkeit dazu hat?
Müsste
es nicht eine Grenze geben für diese «Mikro-Eugenik»?
Djerassi: Ach, so eine grosse
Rolle wird das doch gar nie spielen! Es sind ja sowieso nur die reichen
Leute in den reichen Ländern, die sich das leisten können.
Die soziale
Ungerechtigkeit würde noch grösser.
Djerassi: Ja. Das ist natürlich
die Tragödie. Und das ist doch genau eine der Fragen, die man sich
jetzt stellen muss. Warum sollen sich nur die Reichen diesen Luxus leisten
können? Und ausserdem, die Schweizer mit ihren Gesetzen, das ist
doch irgendwie lächerlich. Österreich ist genauso schlimm. Das
sind doch winzige Länder. Was für eine Rolle spielt das denn,
was dort für Gesetze gelten?
Wir nennen
das Vorreiterrolle.
Djerassi: Das ist doch eine
Illusion. Wenn es in der Schweiz nicht erlaubt ist, dann gehen die Leute
eben in ein anderes Land und machen es dort.
Und sollte
man wirklich eine «Mikro-Eugenik» auf alle genetischen Merkmale
anwenden dürfen?
Djerassi: Nein, es gibt Grenzen.
Damit die Leute diese erkennen, müssten sie erst einmal eine Art
Prüfung ablegen, so wie man auch eine Führerscheinprüfung
macht.
Und wer
nimmt diese Prüfung ab? Sie etwa?
Djerassi: (lacht) Ich weiss
es nicht. Der Bürgermeister von Luzern oder Zürich vielleicht?
Aber ernsthaft, das Beste wäre, man würde es den Kindern in
der Schule schon beibringen. Sexualkunde sollte heute nicht nur Geschlechtsverkehr
und Aids bedeuten.
Reicht denn
Wissen aus, um einem Missbrauch vorzubeugen? Sind Sie da nicht etwas zu
optimistisch?
Djerassi: Natürlich bleibt
ein gewisses Risiko bestehen. Aber nichts, was wir tun, ist hundertprozentig
sicher. Das ist wie bei den Medikamenten, sogar die besten haben Nebenwirkungen.
Penicillin kann töten.
Lohnt sich
eigentlich der Aufwand, die ethischen und wissenschaftlichen Fragen in
Romane und Theaterstücke zu verpacken, so wie Sie das machen?
Djerassi: Oh ja. Wenn ich den
Leuten sage, ich möchte Ihnen jetzt einen Vortrag halten über
die ethischen Probleme, die durch die Trennung von Sex und Befruchtung
aufgeworfen werden, dann hört mir keiner mehr zu. Sie würden
sagen: Das interessiert mich nicht oder das verstehe ich sowieso nicht.
Wenn ich aber sage, ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen,
hören sie mir zu und haben etwas gelernt, ohne es zu merken.
Sie sind
Wissenschaftler, Buch- und Theaterautor. Geht das gleichzeitig?
Djerassi: Ich war schon immer
ein intellektueller Polygamist. Die meisten Naturwissenschaftler sind
intellektuell totale Monogamisten. Monogamie ist zwar eine gute Sache,
was die Ehe betrifft, aber intellektuell gesehen, ist sie schlecht. Das
Problem ist, dass die intellektuelle Monogamie in der Wissenschaft immer
schlimmer wird.
Mit welchen
Folgen?
Djerassi: Die Naturwissenschaftler
verstehen heute immer mehr Details, aber das grosse Bild sehen sie nicht
mehr. Das Problem der Naturwissenschaftler ist, dass wir überhaupt
nicht selbstreflektierend sind. Wir beschreiben in einem fort die Welt
um uns herum. Ich will mich da nicht ausnehmen, schliesslich schreibe
ich auch erst seit einigen Jahren Romane.
Also hoffen
Sie, andere Wissenschaftler mit Ihrer intellektuellen Polygamie anzustecken?
Djerassi: Na ja, Chemiker beispielsweise
gehen ja kaum ins Theater.
Die Wissenschaftler
in ihren Geschichten kommen nicht immer so gut weg.
Djerassi: Viele meiner Kollegen
von der Stanford-Universität wollen deshalb nicht, dass ihre Studenten
meine Science-in-Fiction-Kurse besuchen. Sie fürchten sich, diese
Pandora-Büchse zu öffnen. Ich sage aber, wenn man einen weissen
Mantel tragen will, dann muss man ihn auch waschen. Nicht nur die Öffentlichkeit
muss verstehen, dass Wissenschaftler normale Menschen sind mit all ihren
Unzulänglichkeiten. Auch wir als Wissenschaftler müssen uns
damit auseinander setzen.
Was bringen
Sie denn Ihren Studenten bei?
Djerassi: Die Konkurrenz in
der Forschung ist heute viel grösser als sie es noch vor 30, 40 Jahren
war. Wissenschaft müsste eigentlich kollegial sein. Schliesslich
baut eine Erkenntnis immer auf früheren Erkenntnissen auf. Trotzdem
herrscht ein wahnsinniger Wettbewerb unter den Wissenschaftlern.
Und das
ausgerechnet in einer Zeit, in der die Forscher sich mit immer heikleren
Fragen wie mit der Reproduktionsmedizin auseinander setzen müssen.
Djerassi: Ja, das ist eine besonders
unangenehme Situation.
Wie kann
man das in Griff kriegen?
Djerassi: Man muss darüber
sprechen, auch wenn es nicht sehr populär ist.
Sie haben
kürzlich verkündet, auch mit 100 Jahren noch aktiv sein zu wollen.
Was haben Sie denn in den nächsten 23 Jahren noch vor?
Djerassi: Das Schreiben von
Theaterstücken möchte ich wirklich ernsthaft betreiben. Es ist
die grösste Verjüngungskur. Ich fühle mich geistig eher
wie 32 und nicht wie 77. Natürlich bin ich nicht der Erste, der «Science-in-Fiction»
macht. Dürrenmatt hat das mit seinen «Physikern» auch
gemacht. Aber «Die Physiker» sind unglaublich altmodisch.
Es ist ein Stück aus dem Kalten Krieg, eine Art Frankenstein-Geschichte.
Das Publikum lernt nicht viel dabei. Ich hingegen schreibe über Sachen,
die jetzt oder in Zukunft wichtig sein werden.
Bei dem
Stück geht es immerhin um ein Thema, das auch heute noch aktuell
ist, nämlich wie Wissenschaftler mit den Folgen ihrer Forschung umgehen.
Djerassi: Aber das ist doch
ein dummes Thema! Man kann nicht erwarten, dass Forscher schon ganz am
Anfang all die Resultate vorausahnen. Wenn schon, dann hätte Dürrenmatt
nicht Einstein nehmen sollen, sondern Lise Meitner und Otto Hahn. Vor
allem Lise Meitner, denn eigentlich hätte sie den Nobelpreis ebenso
verdient wie Otto Hahn, hat ihn aber nicht bekommen. Aber hätten
die beiden wirklich, als sie die Kernspaltung entdeckt haben, wissen müssen,
dass es einmal eine Atombombe, den Kalten Krieg und Tschernobyl geben
würde? Das ist doch unmöglich! Wissenschaftler sind doch keine
Götter. Wir sind Fachidioten.
Würden
Sie eigentlich lieber den Nobelpreis für Medizin oder für Literatur
gewinnen?
Djerassi: Weder noch. Am liebsten
den für den Frieden.
Frieden?
Djerassi: Ganz recht. Die unkontrollierte
Bevölkerungsexplosion in vielen Ländern ist eines der grössten
Probleme der Welt. Die Pille hat von diesem Standpunkt aus nur Positives
bewirkt.


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