Logo Verein Kinderwunsch
 

Medien/Literatur
Medien/Literatur
 
Medien
  Pilotprozess: Arzt zeigt sich an
  Künstliche Befruchtung: Statistik
  Alter schafft keine Probleme
  Mehrlingsschwangerschaften
  Fruchtbarkeit: Verborgene Reserven
  Alternative zur Pränataldiagnostik
  Die Stammzellen als Strohhalm
  Forderung der Kassenpflicht
  Stimulierende Hormone
  Rückkommen des PID-Verbots
  Gen als Ursache für Unfruchtbarkeit
  FM birgt grundsätzliches Dilemma
  Neue Fertilisationstechnik
  D: Erstes Retortenbaby wird volljährig
  Jedes 6. Paar leidet an Sterilität
  Interview mit Carl Djerassi
  Wunschkind aus dem Reagenzglas
  Ein Verbot nützt niemandem
  Eugenik im schweizer Recht?
  Eigenes Kind um fast jeden Preis
  Fortpflanzungsstrategien im Wandel
  Ein ethisches Minenfeld
  Wunschkinder aus dem Glas
Literatur
 

 

 

 

 

 

 

 

   
 

«Die Schweizer Gesetze sind doch lächerlich», Teil 2


Was für Ideen?
Djerassi: In meinem Stück «Unbefleckt» sehen die Zuschauer eine fünfminütige Szene über ICSI, wie es funktioniert. Sie sehen das so, dass sie es nie wieder vergessen werden. Auch wenn sie über die möglichen Konsequenzen von ICSI empört sind, verstehen sie, wie kompliziert das Ganze ist. Sie begreifen, dass man die Technologie nicht einfach verbieten kann.

Warum nicht?
Djerassi: Weil es weltweit schon 10 000 ICSI-Kinder gibt. Und wenn es in einem Land verboten ist, dann gehen die Leute eben in ein anderes.

In der Schweiz stimmen wir nächsten Sonntag über eine Initiative ab, die nicht nur ICSI verbieten will, sondern die gesamte In-vitro-Fertilisation. Auch die Samenspende wäre dann verboten.
Djerassi: Ich habe Verständnis für Leute, welche die IVF ablehnen. Aber es ist ein Unterschied, ob jemand das privat für sich ablehnt oder ob es per Gesetz für alle verboten ist.

Könnte man ein generelles Verbot denn rechtfertigen?
Djerassi: Nein, absolut nicht. Die Entscheidung für oder gegen die Reproduktionsmedizin ist eine Entscheidung, die jeder nur für sich selbst treffen kann. Kein Land kann in diesem Bereich formelle Gesetze haben. Das beste Beispiel, dass das nicht funktioniert, ist die katholische Kirche. Diese verbietet sowohl Verhütungsmittel als auch Abtreibung. Doch die zwei Länder, die heute die kleinsten Familien aufweisen, sind Italien und Spanien. Obwohl das zwei durch und durch katholische Länder sind.

Die Leute lassen sich in ihre Fortpflanzung also nicht dreinreden?
Djerassi: Genau. Ein Verbot macht keinen Sinn. Natürlich bleibt es jedem freigestellt, andere von seiner Anschauung zu überzeugen. Aber man muss gute Argumente haben. Diejenigen, die sich strikt gegen jegliche IVF sträuben, glauben oft, es sei die Technologie selbst, die uns die ethischen Probleme beschert. Aber man muss bedenken, dass IVF erfunden wurde, um ein ganz bestimmtes Problem zu lösen: die Unfruchtbarkeit. Die anderen ethisch problematischen Anwendungen wie die Geschlechterwahl und die Schwangerschaft nach der Menopause sind erst auf Druck der Leute entstanden. Das waren nicht die ursprünglichen Ziele der Forscher. Es ist die Gesellschaft, die die Technologie immer weiter vorantreibt, und nicht umgekehrt.

Genau diese Entwicklung wollen die Initianten in der Schweiz nun stoppen. Sie befürchten beispielsweise, dass sich über die IVF eugenische Tendenzen einschleichen könnten.
Djerassi: Ich, der ich als jüdischer Flüchtling vor den Nazis geflohen bin, würde wohl kaum einer Eugenik das Wort reden. Aber ich glaube, dass Eltern ein Recht auf eine Art «Mikro-Eugenik» haben sollten, wenn es darum geht, schwere Erbkrankheiten wie das Down-Syndrom zu verhindern. Das ist natürlich eine Art Eugenik, aber warum sollte man nicht einen gesunden Embryo auswählen, wenn man die Möglichkeit dazu hat?

Müsste es nicht eine Grenze geben für diese «Mikro-Eugenik»?
Djerassi: Ach, so eine grosse Rolle wird das doch gar nie spielen! Es sind ja sowieso nur die reichen Leute in den reichen Ländern, die sich das leisten können.

Die soziale Ungerechtigkeit würde noch grösser.
Djerassi: Ja. Das ist natürlich die Tragödie. Und das ist doch genau eine der Fragen, die man sich jetzt stellen muss. Warum sollen sich nur die Reichen diesen Luxus leisten können? Und ausserdem, die Schweizer mit ihren Gesetzen, das ist doch irgendwie lächerlich. Österreich ist genauso schlimm. Das sind doch winzige Länder. Was für eine Rolle spielt das denn, was dort für Gesetze gelten?

Wir nennen das Vorreiterrolle.
Djerassi: Das ist doch eine Illusion. Wenn es in der Schweiz nicht erlaubt ist, dann gehen die Leute eben in ein anderes Land und machen es dort.

Und sollte man wirklich eine «Mikro-Eugenik» auf alle genetischen Merkmale anwenden dürfen?
Djerassi: Nein, es gibt Grenzen. Damit die Leute diese erkennen, müssten sie erst einmal eine Art Prüfung ablegen, so wie man auch eine Führerscheinprüfung macht.

Und wer nimmt diese Prüfung ab? Sie etwa?
Djerassi: (lacht) Ich weiss es nicht. Der Bürgermeister von Luzern oder Zürich vielleicht? Aber ernsthaft, das Beste wäre, man würde es den Kindern in der Schule schon beibringen. Sexualkunde sollte heute nicht nur Geschlechtsverkehr und Aids bedeuten.

Reicht denn Wissen aus, um einem Missbrauch vorzubeugen? Sind Sie da nicht etwas zu optimistisch?
Djerassi: Natürlich bleibt ein gewisses Risiko bestehen. Aber nichts, was wir tun, ist hundertprozentig sicher. Das ist wie bei den Medikamenten, sogar die besten haben Nebenwirkungen. Penicillin kann töten.

Lohnt sich eigentlich der Aufwand, die ethischen und wissenschaftlichen Fragen in Romane und Theaterstücke zu verpacken, so wie Sie das machen?
Djerassi: Oh ja. Wenn ich den Leuten sage, ich möchte Ihnen jetzt einen Vortrag halten über die ethischen Probleme, die durch die Trennung von Sex und Befruchtung aufgeworfen werden, dann hört mir keiner mehr zu. Sie würden sagen: Das interessiert mich nicht oder das verstehe ich sowieso nicht. Wenn ich aber sage, ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, hören sie mir zu und haben etwas gelernt, ohne es zu merken.

Sie sind Wissenschaftler, Buch- und Theaterautor. Geht das gleichzeitig?
Djerassi: Ich war schon immer ein intellektueller Polygamist. Die meisten Naturwissenschaftler sind intellektuell totale Monogamisten. Monogamie ist zwar eine gute Sache, was die Ehe betrifft, aber intellektuell gesehen, ist sie schlecht. Das Problem ist, dass die intellektuelle Monogamie in der Wissenschaft immer schlimmer wird.

Mit welchen Folgen?
Djerassi: Die Naturwissenschaftler verstehen heute immer mehr Details, aber das grosse Bild sehen sie nicht mehr. Das Problem der Naturwissenschaftler ist, dass wir überhaupt nicht selbstreflektierend sind. Wir beschreiben in einem fort die Welt um uns herum. Ich will mich da nicht ausnehmen, schliesslich schreibe ich auch erst seit einigen Jahren Romane.

Also hoffen Sie, andere Wissenschaftler mit Ihrer intellektuellen Polygamie anzustecken?
Djerassi: Na ja, Chemiker beispielsweise gehen ja kaum ins Theater.

Die Wissenschaftler in ihren Geschichten kommen nicht immer so gut weg.
Djerassi: Viele meiner Kollegen von der Stanford-Universität wollen deshalb nicht, dass ihre Studenten meine Science-in-Fiction-Kurse besuchen. Sie fürchten sich, diese Pandora-Büchse zu öffnen. Ich sage aber, wenn man einen weissen Mantel tragen will, dann muss man ihn auch waschen. Nicht nur die Öffentlichkeit muss verstehen, dass Wissenschaftler normale Menschen sind mit all ihren Unzulänglichkeiten. Auch wir als Wissenschaftler müssen uns damit auseinander setzen.

Was bringen Sie denn Ihren Studenten bei?
Djerassi: Die Konkurrenz in der Forschung ist heute viel grösser als sie es noch vor 30, 40 Jahren war. Wissenschaft müsste eigentlich kollegial sein. Schliesslich baut eine Erkenntnis immer auf früheren Erkenntnissen auf. Trotzdem herrscht ein wahnsinniger Wettbewerb unter den Wissenschaftlern.

Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der die Forscher sich mit immer heikleren Fragen wie mit der Reproduktionsmedizin auseinander setzen müssen.
Djerassi: Ja, das ist eine besonders unangenehme Situation.

Wie kann man das in Griff kriegen?
Djerassi: Man muss darüber sprechen, auch wenn es nicht sehr populär ist.

Sie haben kürzlich verkündet, auch mit 100 Jahren noch aktiv sein zu wollen. Was haben Sie denn in den nächsten 23 Jahren noch vor?
Djerassi: Das Schreiben von Theaterstücken möchte ich wirklich ernsthaft betreiben. Es ist die grösste Verjüngungskur. Ich fühle mich geistig eher wie 32 und nicht wie 77. Natürlich bin ich nicht der Erste, der «Science-in-Fiction» macht. Dürrenmatt hat das mit seinen «Physikern» auch gemacht. Aber «Die Physiker» sind unglaublich altmodisch. Es ist ein Stück aus dem Kalten Krieg, eine Art Frankenstein-Geschichte. Das Publikum lernt nicht viel dabei. Ich hingegen schreibe über Sachen, die jetzt oder in Zukunft wichtig sein werden.

Bei dem Stück geht es immerhin um ein Thema, das auch heute noch aktuell ist, nämlich wie Wissenschaftler mit den Folgen ihrer Forschung umgehen.
Djerassi: Aber das ist doch ein dummes Thema! Man kann nicht erwarten, dass Forscher schon ganz am Anfang all die Resultate vorausahnen. Wenn schon, dann hätte Dürrenmatt nicht Einstein nehmen sollen, sondern Lise Meitner und Otto Hahn. Vor allem Lise Meitner, denn eigentlich hätte sie den Nobelpreis ebenso verdient wie Otto Hahn, hat ihn aber nicht bekommen. Aber hätten die beiden wirklich, als sie die Kernspaltung entdeckt haben, wissen müssen, dass es einmal eine Atombombe, den Kalten Krieg und Tschernobyl geben würde? Das ist doch unmöglich! Wissenschaftler sind doch keine Götter. Wir sind Fachidioten.

Würden Sie eigentlich lieber den Nobelpreis für Medizin oder für Literatur gewinnen?
Djerassi: Weder noch. Am liebsten den für den Frieden.

Frieden?
Djerassi: Ganz recht. Die unkontrollierte Bevölkerungsexplosion in vielen Ländern ist eines der grössten Probleme der Welt. Die Pille hat von diesem Standpunkt aus nur Positives bewirkt.