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Gesundheit
Sprechstunde In-Vitro-Fertilisation Das Wunschkind aus dem Reagenzglas Jedes sechste Paar in der Schweiz bekommt auf normalem Weg keinen Nachwuchs. Die Fortpflanzungsmedizin kann vielen den Kinderwunsch trotzdem erfüllen. Endokrinologe PD Dr. Bruno Imthurn über die Befruchtung im Reagenzglas. 14 Jahre waren Heidi und Fritz Zimmermann schon verheiratet, als ihr sehnlichster Wunsch endlich Wirklichkeit wurde. «Wir hatten schon gar nicht mehr damit gerechnet, ein Kind zu bekommen», sagt die Glarnerin. Marion ist heute achtjährig, gesund - der Sonnenschein der Familie. Mit 21 hat Heidi Zimmermann ihren sechs Jahre älteren Mann geheiratet, «um eine Familie zu gründen», wie sie sagt. Als sie nach zwei Jahren immer noch nicht schwanger war, ging sie zum Arzt. Bald war klar: Heidi Zimmermanns Eileiter waren verwachsen, möglicherweise durch eine frühere unbehandelte Infektion. Schätzungsweise 10 bis 15 Prozent aller Paare leiden an Fruchtbarkeitsstörungen. Zu je 30 Prozent liegen die Ursachen beim Mann, bei der Frau oder bei beiden gleichzeitig. Bei 10 Prozent der Paare können keine organischen Störungen gefunden werden, ein psychischer Hintergrund wird vermutet. In den folgenden Jahren unterzog sich Heidi Zimmermann einer Hormonbehandlung, liess sich die Eileiter spülen und mikrochirurgisch öffnen. Drei Eileiterschwangerschaften waren die Folge, an der letzten wäre die Postangestellte fast verblutet. «Als die Eileiter ein Jahr später wieder zu waren, gaben wir unsere Hoffnungen auf. Das war eine traurige Zeit», erinnert sich die 44-Jährige. Auch Zimmermanns hatten von Louise Brown, gehört, dem ersten Retortenbaby, das 1978 in England zur Welt gekommen war. «Zukunftsmusik», dachten sie damals. Doch bereits ab 1982 wurde die Invitro-Fertilisation (IVF), die Befruchtung ausserhalb des Mutterleibs, auch in der Schweiz praktiziert. 1988 entschieden sich Zimmermanns nach ausführlichen Informationen und Untersuchungen am Unispital Zürich für die neue Methode. «Eileiterverwachsungen oder fehlende Eileiter sind die klassischen Indikationen für eine In-vitro-Fertilisation», sagt PD Dr. Bruno Imthurn, leitender Arzt an der Frauenklinik des Unispitals Zürich. Erfolgreich kann IVF auch bei schlechter Spermaqualität oder -quantität sein. Bei schwerer männlicher Unfruchtbarkeit wird heute IVF kombiniert mit der ICSI- Methode angewendet, der Intracytoplasmatischen Spermieninjektion, bei welcher eine einzelne Samenzelle direkt in die Eizelle injiziert wird. Ab dem ersten Zyklustag erhielt Heidi Zimmermann täglich eine Hormoninjektion zur Anregung der Eierstöcke (siehe Box). Regelmässig wurden Ultraschalluntersuchungen durchgeführt. Als sich die Eibläschen im richtigen Entwicklungsstadium befanden, wurde der Eisprung ausgelöst, die Eizellen entnommen und im Reagenzglas mit den Samenzellen ihres Mannes befruchtet. Zwei Tage später, nach der Kernverschmelzung, wurden die Embryonen in ihre Gebärmutter gebracht. «Im Unispital Zürich werden heute in der Regel zwei transferiert, um das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft gering zu halten», sagt Fortpflanzungsmediziner Bruno Imthurn. IVF hat jedoch auch andere unerwünschte Nebenwirkungen. In den Eierstöcken können sich Zysten bilden, die allerdings nach einiger Zeit wieder verschwinden. Zudem vergrössern sich bei 0,1 bis 0,5 Prozent der behandelten Frauen die Eierstöcke so stark, dass Bauchschmerzen, Erbrechen, Übelkeit und Durchfall eintreten. «Wird nicht eingegriffen, kann dies im Extremfall zum Tod führen», sagt Imthurn, «eine engmaschige, medizinische Überwachung ist deshalb bei IVF wichtig.» Rund die Hälfte aller Frauen bekommt nach einem oder mehreren Behandlungszyklen ein Kind. Bei Heidi Zimmermann dauerte es ein bisschen länger: «Die Hoffnung war jedesmal gross, die Enttäuschung noch grösser, wenn es wieder nicht geklappt hatte. Ich musste mir jedesmal sagen: Ich bin genug stark, ich lasse mich nicht in ein Loch ziehen.» Beim sechsten Mal geschah das sehnlichst Erwartete: Heidi Zimmermann wurde schwanger. «Wir waren die glücklichsten Menschen der Welt.» Im Juli 1991 kam Marion auf die Welt. Zimmermanns haben nie verheimlicht, dass sie ihre Tochter dank der modernen Fortpflanzungsmedizin bekommen haben. Dies ist keine Selbstverständlichkeit. In vielen Kreisen wird diese Art von Zeugung aus ethischen oder religiösen Gründen abgelehnt. «Familie und Bekannte haben aber immer sehr positiv reagiert», sagt Heidi Zimmermann, «doch die breite gesellschaftliche Akzeptanz, gerade auf dem Land, fehlt nach wie vor.» VERONICA BONILLA GURZELER |
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