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  St. Galler Tagblatt vom 20. Oktober 2001

Stimulierende Hormone
Fortschritte bei der künstlichen Befruchtung

Weltweit ist jedes zehnte Paar ungewollt kinderlos. Medizinisch stehen immer wirksamere Therapien zur künstlichen Befruchtung zur Verfügung. Wichtig sind insbesondere begleitende Gaben gentechnisch hergestellter Hormone.

Susanne Lilli Bräm-Leemann

Die Ursachen ungewollter Kinderlosigkeit liegen in 40 Prozent der Fälle bei der Frau, in 30 Prozent beim Mann, weitere 30 Prozent sind unabgeklärt. Manche Paare befassen sich erst spät mit dem Kinderwunsch, doch nach dem 35. Altersjahr der Frau verschlechtern sich die Aussichten auf eine erfolgreiche erste Schwangerschaft in jeder Beziehung. Weitere Risikofaktoren sind eine frühere Krebserkrankung und eine Chlamydien-Infektion - das sind bakterielle Erreger, welche bei der Frau eine chronische Infektion verursachen -, Übergewicht und Stress.

Wirksamkeit hat Priorität

Heute stehen umfassende Therapiemöglichkeiten zur Verfügung, die beispielsweise am Göteborger Fertilitetscentrum in Schweden gemäss Matts Wikland in den letzten fünf Jahren 70 Prozent der behandelten Paare zu einem Kind verhalfen. Für die Patienten steht bei der Therapiewahl gemäss einer Umfrage die Wirksamkeit an erster Stelle. Am diesjährigen Treffen der "European Society of Human Reproduction and Embryology" in Lausanne wurden wesentliche Neuerungen in diesen Techniken vorgestellt. Sie betreffen auch die männliche Unfruchtbarkeit, die vor allem folgende drei Ursachen hat: zu wenige, zu wenig bewegliche und qualitativ ungenügende Spermien oder Samenzellen.

Formen künstlicher Befruchtung

Schon seit Jahren werden Kinder mittels In-vitro-Fertilisation, das heisst mittels Befruchtung im Reagenzglas, gezeugt. Dabei bewegen sich die Spermien im Reagenzglas aktiv auf die Eizellen zu und verschmelzen mit diesen. Nach einigen Zellteilungen können die so entstandenen Föten in die Gebärmutter eingepflanzt werden. Die Methode eignet sich, wenn die Spermien normal beweglich, aber zu wenig zahlreich für eine natürliche Befruchtung sind. Eine spezielle Form der Befruchtung im Reagenzglas ist die Intracytoplasmatische Sperma-Injektion. Ein einziges Spermium wird hier mit einer ganz feinen Pipette aktiv in eine Eizelle injiziert. Dies ist dann nötig, wenn die Spermien zu wenig beweglich sind. Heute werden nur noch ein bis zwei solchermassen entstandene Föten in den Uterus eingesetzt. Unerwünschte Mehrlingsgeburten haben so abgenommen. Natürlicherweise werden im Eierstock jeden Monat mehrere Eizellen der Reife entgegen entwickelt, dann werden aber nur ein bis zwei Zellen ganz ausgereift und zur Befruchtung freigegeben. Dieser Vorgang wird durch das follikelstimulierende Hormon gesteuert. Dabei ist sehr viel Zufall im Spiel. Um bei der Befruchtung im Reagenzglas die Befruchtungs-Chancen zu erhöhen, wird die Eireifung während rund dreizehn Tagen mit gentechnologisch, so genannt rekombinant hergestelltem Hormon so vorbereitet, dass mehrere Eizellen gleichzeitig ausreifen, sich vom Eierstock lösen und mittels Spezialapparatur abgesaugt werden können. Zur genauen zeitlichen Abstimmung steht ein weiteres Hormon, das rekombinante Choriongonadotropin, und zur Follikelreifung im Eierstock und Einnistung des Fötus im Uterus ein Gelbkörperhormon zur Verfügung. Das neueste rekombinante follikelstimulierende Hormon muss nicht mehr täglich im Spital gespritzt werden, sondern kann für eine Woche aufs Mal angesetzt und dann von der Frau selbst gespritzt werden. Sie gewinnt so viel Freiheit.

Gut informiert, nicht mit einbezogen

Fruchtbarkeitsbehandlungen sind aufwendig und als Hormontherapien nicht risikolos. Daher ist eingehende Information und Abwägung vor Therapiebeginn wichtig. Eine Umfrage unter 218 Frauen zwischen 25 und 44 Jahren ergab, dass sie zwar ausreichend bis gut informiert, aber wenig in die Entscheidung mit einbezogen worden waren. Kosten: Je nach Krankenkasse werden Voruntersuchung, Abklärung und Hormonbehandlung übernommen, nicht aber das Einsetzen der Embryonen.

Information: Verein Kinderwunsch, Postfach 251, 8027 Zürich, Tel. 01/206 11 99, Fax 01/206 11 98. Kinderwunsch-Infoline 0848 86 86 80; www.kinderwunsch.ch.