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| Tages-Anzeiger
vom 23. Mai 2002
Die Stammzellen als Strohhalm Bisher diskutierten Forscher und Ethiker über die Stammzellforschung. In der öffentlichen Diskussion haben auch Patienten und Eltern von überzähligen Embryonen das Wort. Von Anke Fossgreen Der Entwurf zum Embryonenforschungsgesetz liegt seit gestern vor und könnte brisanter nicht sein. Die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen soll zugelassen werden und sogar ihre Herstellung aus Embryonen. Im Vorfeld der Vernehmlassung waren zumeist Forscher und Ethiker zu hören. Wissenschaftler sagen den embryonalen Stammzellen ein grosses Potenzial für künftige Therapien von bisher unheilbaren Krankheiten wie beispielsweise Parkinson oder multiple Sklerose voraus. Die Ethiker stellen die Frage nach dem moralischen Status eines Embryos. Darf man menschliche Embryonen zu Forschungszwecken nutzen? Zur Herstellung von Stammzellen sollen laut Gesetzesentwurf überzählige Embryonen verwendet werden dürfen, also solche, die nach einer künstlichen Befruchtung nicht mehr benötigt werden. Eine Bedingung für die Nutzung dieser Embryonen soll sein, dass die Paare, von denen Eizelle und Spermien stammen, zustimmen müssen. Eine solche Zustimmung ist laut Fortpflanzungsmedizingesetz indes nicht erforderlich. Dieses Gesetz schreibt vor, bis Ende 2003 etwa 1000 tiefgefrorene überzählige Embryonen zu vernichten. «Ohne Einbezug und explizite Zustimmung der Eltern ist das ein krasser Verstoss gegen die Menschenrechte», vertritt Conrad Engler als Sekretär des Vereins Kinderwunsch die offizielle Position seines Vereins. «Falls das Fortpflanzungsmedizingesetz nicht fristgerecht geändert wird, erwägen wir eine Klage bei der Europäischen Menschenrechtskommission gegen die Schweiz», erklärt Engler weiter. Dem Verein gehören mehr als 200 Mitglieder an - zumeist Paare, die ihre Kinder durch künstliche Befruchtung bekommen haben. Diese Eltern wollen den Zeitpunkt und die Art der Vernichtung der überzähligen Embryonen selbst bestimmen. «Einige Paare würden sich für die Vernichtung durch die Fortpflanzungsklink entscheiden. Es ist aber auch eine andere Methode denkbar, die ein Paar, das ich kenne, gewählt hat», erzählt Ursula Tamburlini, die Präsidentin des Vereins. «Dabei wurden der Frau die überzähligen befruchteten Eizellen zu einem Zeitpunkt in die Gebärmutter übertragen, an dem sie nicht schwanger werden konnte, und mit der Menstruation ausgeschieden.» Ursula Tamburlini, selbst Mutter zweier im Reagenzglas gezeugter Kinder, steht der Stammzellforschung positiv gegenüber. «Zum jetzigen Zeitpunkt hätte ich noch Mühe, meine gelagerten befruchteten Eizellen vernichten zu lassen, mein jüngstes Kind ist erst fünf Monate alt», sagt Tamburlini. «Generell kann ich mir aber vorstellen, überzählige Embryonen der Forschung zu spenden.» Ob diese Embryonen tatsächlich Patienten helfen werden und wenn ja, wann mit neuen Therapien zu rechnen ist, können selbst Wissenschaftler nicht vorhersagen. Denn es wird über die potenziellen Möglichkeiten reiner Grundlagenforschung diskutiert. Der Wille der Patienten Dennoch setzten sich in den USA oder auch in Grossbritannien Patientenorganisationen vehement dafür ein, dass dort an menschlichen embryonalen Stammzellen geforscht werden darf. Von solch einem Engagement sind die Patientenorganisationen in der Schweiz weit entfernt. Bisher hat noch keine offiziell Stellung genommen. «Das ist auch schwierig», erklärt Johannes Kornacher, Sprecher der Schweizerischen Parkinsonvereinigung. «Als Organisation können wir nicht von oben herab mit einer offiziellen Stellungnahme kommen, denn wir stehen ja für die Patienten und die haben ganz unterschiedliche Ansichten.» Der 55-jährige ehemalige Banker und Buchautor Balz E. leidet seit 12 Jahren an der Parkinsonkrankheit. Er findet es «unverantwortlich, Grundlagenforschung zu verbieten». Balz E. beschäftigt sich intensiv mit den aktuellen Forschungsergebnissen, die zum Thema Parkinson veröffentlicht werden, und mit der Stammzellforschung. Für ihn sind die Embryonen, die zur Gewinnung der Stammzellen verwendet werden, «ein winziges Zellhäuflein und noch kein Baby, wie viele Gegner fälschlich denken.» Zudem mache es keinen Sinn, die Nutzung der überzähligen Embryonen, deren Schicksal die Vernichtung ist, zu verbieten, während gleichzeitig die künstliche Befruchtung erlaubt ist und Abtreibungen legal vorgenommen werden dürfen. «Als Patient betrogen und missbraucht» kommt sich hingegen Hans Z. vor. Der 73-jährige emeritierte Professor der Mikrobiologie hat selbst «mit der Gentechnik gearbeitet». Den Stammzellforschern wirft er vor: «Sie missbrauchen Patienten, um ihre Projekte durchzubringen, wenn es um Forschungsgelder geht.» Durch die Berichterstattung in den Medien fühlt sich Hans Z. betrogen: «Man macht uns Hoffnungen, dass es in kurzer Zeit, also zwei bis drei Jahren, möglich sei, Parkinson zu heilen.» Hans Z. lebt seit über 20 Jahren mit der Krankheit. «Immer wenn ich etwas über eine neue Therapiemöglichkeit lese, keimt eine neue Hoffnung in mir. Das ist, wie sich an einen Strohhalm halten.» Falsche Hoffnungen lenkten einen jedoch davon ab, die unheilbare Krankheit zu akzeptieren. «Statt Hilfe zur Bewältigung bleibt die Enttäuschung», weiss Hans Z. Er hat im Laufe der Jahre gelernt, «jeden Tag so zu nehmen, wie er ist». Stammzellen aus menschlichen Embryonen herzustellen birgt für ihn noch viele ungeklärte Fragen: «Ist das bereits ein Experiment am Menschen? Ab wann hat der Mensch einen Anspruch auf Schutz?» Zudem ist der Wissenschaftler im Ruhestand nicht davon überzeugt, dass diese Therapien überhaupt in der Praxis wirksam sind. Heilungschancen für die Zukunft «Ich bin knapp vor dem Rollstuhl und weiss, dass mir die Stammzellforschung wohl kaum mehr helfen wird», sagt der 41-jährige Jurist Daniel C., der im Alter von 33 Jahren die Diagnose «multiple Sklerose» erhielt. «Dennoch bin ich dafür, dass alles unternommen wird, um für Patienten, die in einem früheren Stadium erkrankt sind, eine Heilung zu ermöglichen.» Allerdings sei die Gewinnung von Stammzellen aus menschlichen Embryonen heikel. «Grundsätzlich bin ich dafür, das werdende Leben so weit wie möglich zu schützen.» Bei der Gewinnung von Stammzellen aus überzähligen Embryonen sieht Daniel C. indes «kein Problem». Daniel C. leidet an einem seltenen
Verlauf der Krankheit. Nicht schubweise wie bei den meisten der MS-Patienten,
sondern kontinuierlich verschlechtert sich sein Gesundheitszustand. Wie
bei einem Stromkabel, bei dem die Isolation kaputtgeht, werden seine Nerven
so geschädigt, dass sie schliesslich keine Reize mehr weiterleiten
können. «Wenn es dereinst wirklich gelingt, kaputte Nerven
durch intakte Nervenzellen zu ersetzen, wäre das nicht nur für
mich, sondern auch für Querschnittsgelähmte eine neue Chance»,
meint Daniel C. Er selber lebt mit der Krankheit. «Sie gehört
zu mir und meiner Familie. Ich muss das geniessen, was ich noch kann,
und nicht dem nachtrauern, was - nach heutigem Stand der Medizin - für
immer verloren ist.»
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