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Ein Baby aus der Retorte, natürlich! Teil 2


Jedes fünfte Paar verzichtet doch noch
Jedes sechste Paar mit Kinderwunsch leidet in der Schweiz unter Fruchtbarkeitsstörungen. Die In-vitro-Behandlung ist jedoch erst die letzte Station in einer langen Reihe von Abklärungen und Behandlungen (wie zum Beispiel die Insemination mit dem Samen des Mannes bei gleichzeitiger hormoneller Stimulierung der Frau). Einen Normalfall des IVF-Paares gibt es da kaum, aber immerhin einen Durchschnitt: Durchschnittlich sind Paare, die sich für IVF entscheiden, seit sechs Jahren steril, die Frau ist 34, der Mann 37 Jahre alt (rund fünf Jahre älter als der Durchschnitt der Schweizer Eltern beim ersten Kind). Die klassische Indikation für IVF ist der Verschluss der Eileiter der Frau infolge von Infektionen oder Operationen. Seit mit dem ICSI-Verfahren eine Eizelle mit einer einzigen Samenzelle befruchtet werden kann, nehmen jedoch die so genannten männlichen Indikationen zu, das heisst die Fälle von ungenügender Samenqualität des Mannes. Rund sechzig Prozent der ärztlich assistierten Fortpflanzungstherapien sind heute in der Schweiz ICSI-Therapien.

Im Kinderwunschzentrum beginnt jede Therapie mit umfassenden Gesprächen. «Wir verstehen unsere Beratung sehr ganzheitlich und diskutieren mit dem Paar alle Möglichkeiten und Alternativen - das Leben ohne Kind, die Möglichkeit einer Adoption oder eines Pflegekindes und natürlich auch IVF», erzählt Jean-Claude Spira. Oft hört er dann: Wir wollen IVF probieren, um uns später einmal nicht vorzuwerfen, es nicht versucht zu haben. Nicht selten entschliessen sich Paare für IVF und leiten gleichzeitig ein Adoptionsverfahren ein. Und etwa jedes fünfte Paar verzichtet nach den genauen Informationen dann doch auf eine IVF-Behandlung: «Für uns ist jede Entscheidung richtig, wenn sie für das Paar stimmt», sagt Spira.

«Wir müssen ja leider die Hoffnungen immer eher dämpfen und die Chancen realistisch beim Namen nennen», ergänzt Nenad Pavic. Entschliesst sich ein Paar trotz allem für IVF, so beginnt diese mit einer zirka dreiwöchigen Hormonbehandlung der Frau. Auf diese folgt die Eizellentnahme (mittels Follikelpunktion, sie wird ambulant im Spital durchgeführt). Nach der Befruchtung der Eizellen mit den Samenzellen in vitro, also in einer Glasschale im Labor, reifen und entwickeln sich die befruchteten Eizellen zwei Tage im Brutkasten bei 37 Grad Celsius. Dann kommt der grosse Moment: Der Gynäkologe transferiert meist zwei, höchstens drei befruchtete Eizellen durch einen feinen Katheter direkt in die Gebärmutter.

Nun beginnt das bange Warten. Eine Befragung von Frauen über die erlebte IVF-Behandlung ergab, dass diese Wartezeit von allen Belastungen die schwierigste war. Erst nach zwei Wochen zeigt sich nämlich, ob sich die Eizelle eingenistet hat, der Schwangerschaftstest also positiv ausfällt, oder eben nicht, wie in der Mehrzahl der Fälle, also die Monatsblutung eintritt: «Ein Paar, das diese Enttäuschung seit Jahren erlebt, ist damit oft an einem Tiefpunkt angekommen. Mehr denn je braucht es nun das Gespräch. Für einige ist es genug zu wissen, dass eine Eizelle befruchtet wurde, sie hören nun auf. Andere wollen es noch einmal versuchen. In jedem Falle aber brauchen sie und wir zuerst eine Pause», erzählt Jean-Claude Spira.

Die Erfolgsrate von IVF - die «take-home baby rate» - liegt in der Schweiz überall um zwanzig Prozent pro Zyklus. Nur in einem von fünf Fällen kommt es also nach einer IVF-Behandlung zu einer erfolgreichen Schwangerschaft - eine Zahl, die Gegner der Fortpflanzungsmedizin gerne herausstreichen, als Beweis für die Unverhältnismässigkeit des Aufwandes zum Ertrag. Die Erfolgsrate von zwanzig Prozent ist aber nicht weit entfernt von der natürlichen Fruchtbarkeitsrate: Bei jungen Paaren liegt diese bei 25 bis 30 Prozent pro Zyklus, um dann mit zu-nehmendem Alter zu sinken, bei 40-jährigen Frauen auf fünf bis zehn Prozent.

Ausländische, vor allem amerikanische Kliniken werben manchmal mit IVF-Erfolgsraten von 25, 30 oder mehr Prozent für ihre Dienste. Die Erklärung dafür ist, dass mehr als drei befruchtete Eizellen transferiert werden, zum Beispiel fünf, sechs oder gar sieben, was zu hohen Mehrlingsgeburten führen kann. An manchen Orten müssen Eltern deshalb zum Voraus in eine spätere selektive Abtreibung «überzähliger» Embryos (eine so genannte Mehrlingsreduktion) einwilligen. In der Schweiz wird diese Problematik vermieden, indem höchstens drei Eizellen pro Zyklus transferiert werden.

Doch die IVF-Behandlung kann natürlich wiederholt werden. Umso mehr als die Eizellentnahme oft mehr als die für den ersten Versuch benötigten Keimzellen ergab und diese überzähligen Eizellen befruchtet und eingefroren - kryokonserviert - werden können, wenn das Paar dies wünscht. (Jede einzelne Eizelle wird registriert und darf nur für das betreffende Paar verwendet werden. Nach spätestens fünf Jahren müssen in der Schweiz kryokonservierte Eizellen vernichtet werden.) Auch jeder weitere Versuch kann zu einer Schwangerschaft führen, die Chance nimmt allerdings nach fünf IVF-Behandlungen ab. Immerhin: «Kumulativ kommen wir mit allen Methoden zusammen an die fünfzig Prozent heran», erklärt Nenad Pavic. «Rund jedes zweite Paar, das in der Schweiz wegen Kinderlosigkeit ärztliche Hilfe sucht, kann damit rechnen, mit einem Buschi heimzugehen.»

Das alles ist zeitaufwendig. Zusätzlicher Stress entsteht oft durch den Wunsch vieler Paare, die Behandlung geheim zu halten. «Sterilität ist immer noch ein Tabu», weiss Pavic. «Was Paare an gedankenlosen Sprüchen hören müssen, ist erschreckend. Noch immer verwechseln viele Leute Sterilität mit Impotenz und geben entsprechende Kommentare von sich.» Noch grösser als für Schweizer sei der Stress der Kinderlosigkeit für ausländische Paare: «Die Frauen aus dem Süden kommen früher und schneller, schon mit 25 Jahren, schon nach zwei bis drei Jahren kinderloser Ehe.» Zu alldem kommen die Kosten: Fünftausend bis siebentausend Franken kostet die IVF-Behandlung für einen Zyklus, und anders als in Frankreich oder Deutschland bezahlen die Krankenkassen in der Schweiz nicht.

Was tun Paare, die nur mit Hilfe einer Eizellspende, die in der Schweiz verboten ist, ein Kind zeugen könnten? «Die Leute sind gut informiert, auf dem Internet findet man alles», weiss Jean-Claude Spira. In vielen Ländern ist erlaubt, was in der Schweiz verboten ist - etwa Eispende, Leihmutterschaft, Präimplantationsdiagnostik -, und manchmal bekommt das Kinderwunschzentrum dann einen Brief aus dem Ausland mit Bitte um Zustellung aller medizinischen Unterlagen. «In Griechenland oder Belgien, in Israel und in den Vereinigten Staaten gibt es durchaus seriöse Adressen - natürlich kommt die Sache dann erheblich teurer.»

Verbot würde viele ins Ausland treiben
Wie sich ein Verbot auswirkt, haben die beiden Basler Gynäkologen erlebt: Beide arbeiteten seit den achtziger Jahren im IVF-Team des Universitätsspitals Basel (wo 1982 die erste IVF-Schwangerschaft in der Schweiz gelang), als im Oktober 1990 die Stimmbürger des Kantons die Reproduktionsmedizin verboten. Beide Mediziner mussten damals aufhören, mussten ihre Patienten nach Bern oder Baden schicken. Drei Jahre später wurde das Verbot vom Bundesgericht auf ihr Betreiben hin wieder aufgehoben. Ein gesamtschweizerisches Verbot, wie es die Initiative «Für menschenwürdige Fortpflanzung» gegenwärtig anstrebt, würde kinderlose Schweizer über die Grenze treiben, da sind sich Pavic und Spira sicher: in das grosse reproduktionsmedizinische Zentrum von Bregenz etwa, nach Frankreich oder nach England mit ihren liberaleren Regelungen.

Welches ist der schönste Moment im Berufsleben eines Reproduktionsmediziners? «Wenn s Buschi da ist», sagt Nenad Pavic. «Wenn ich einem Päärli geholfen habe, das Problem Kinderlosigkeit zu lösen, mit oder ohne Kind», ergänzt Jean-Claude Spira. Und was ist der traurigste? Hier sind sich beide einig: «Wenn ein Paar unzufrieden von uns weggeht. Ohne Kind und ohne Lösung.»