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Ein Baby aus der Retorte, natürlich! Teil 2
Im Kinderwunschzentrum
beginnt jede Therapie mit umfassenden Gesprächen. «Wir verstehen unsere
Beratung sehr ganzheitlich und diskutieren mit dem Paar alle Möglichkeiten
und Alternativen - das Leben ohne Kind, die Möglichkeit einer Adoption
oder eines Pflegekindes und natürlich auch IVF», erzählt Jean-Claude Spira.
Oft hört er dann: Wir wollen IVF probieren, um uns später einmal nicht
vorzuwerfen, es nicht versucht zu haben. Nicht selten entschliessen sich
Paare für IVF und leiten gleichzeitig ein Adoptionsverfahren ein. Und
etwa jedes fünfte Paar verzichtet nach den genauen Informationen dann
doch auf eine IVF-Behandlung: «Für uns ist jede Entscheidung richtig,
wenn sie für das Paar stimmt», sagt Spira. «Wir
müssen ja leider die Hoffnungen immer eher dämpfen und die Chancen realistisch
beim Namen nennen», ergänzt Nenad Pavic. Entschliesst sich ein Paar trotz
allem für IVF, so beginnt diese mit einer zirka dreiwöchigen Hormonbehandlung
der Frau. Auf diese folgt die Eizellentnahme (mittels Follikelpunktion,
sie wird ambulant im Spital durchgeführt). Nach der Befruchtung der Eizellen
mit den Samenzellen in vitro, also in einer Glasschale im Labor, reifen
und entwickeln sich die befruchteten Eizellen zwei Tage im Brutkasten
bei 37 Grad Celsius. Dann kommt der grosse Moment: Der Gynäkologe transferiert
meist zwei, höchstens drei befruchtete Eizellen durch einen feinen Katheter
direkt in die Gebärmutter. Nun beginnt
das bange Warten. Eine Befragung von Frauen über die erlebte IVF-Behandlung
ergab, dass diese Wartezeit von allen Belastungen die schwierigste war.
Erst nach zwei Wochen zeigt sich nämlich, ob sich die Eizelle eingenistet
hat, der Schwangerschaftstest also positiv ausfällt, oder eben nicht,
wie in der Mehrzahl der Fälle, also die Monatsblutung eintritt: «Ein Paar,
das diese Enttäuschung seit Jahren erlebt, ist damit oft an einem Tiefpunkt
angekommen. Mehr denn je braucht es nun das Gespräch. Für einige ist es
genug zu wissen, dass eine Eizelle befruchtet wurde, sie hören nun auf.
Andere wollen es noch einmal versuchen. In jedem Falle aber brauchen sie
und wir zuerst eine Pause», erzählt Jean-Claude Spira. Die Erfolgsrate
von IVF - die «take-home baby rate» - liegt in der Schweiz überall um
zwanzig Prozent pro Zyklus. Nur in einem von fünf Fällen kommt es also
nach einer IVF-Behandlung zu einer erfolgreichen Schwangerschaft - eine
Zahl, die Gegner der Fortpflanzungsmedizin gerne herausstreichen, als
Beweis für die Unverhältnismässigkeit des Aufwandes zum Ertrag. Die Erfolgsrate
von zwanzig Prozent ist aber nicht weit entfernt von der natürlichen Fruchtbarkeitsrate:
Bei jungen Paaren liegt diese bei 25 bis 30 Prozent pro Zyklus, um dann
mit zu-nehmendem Alter zu sinken, bei 40-jährigen Frauen auf fünf bis
zehn Prozent. Ausländische,
vor allem amerikanische Kliniken werben manchmal mit IVF-Erfolgsraten
von 25, 30 oder mehr Prozent für ihre Dienste. Die Erklärung dafür ist,
dass mehr als drei befruchtete Eizellen transferiert werden, zum Beispiel
fünf, sechs oder gar sieben, was zu hohen Mehrlingsgeburten führen kann.
An manchen Orten müssen Eltern deshalb zum Voraus in eine spätere selektive
Abtreibung «überzähliger» Embryos (eine so genannte Mehrlingsreduktion)
einwilligen. In der Schweiz wird diese Problematik vermieden, indem höchstens
drei Eizellen pro Zyklus transferiert werden. Doch
die IVF-Behandlung kann natürlich wiederholt werden. Umso mehr als die
Eizellentnahme oft mehr als die für den ersten Versuch benötigten Keimzellen
ergab und diese überzähligen Eizellen befruchtet und eingefroren - kryokonserviert
- werden können, wenn das Paar dies wünscht. (Jede einzelne Eizelle wird
registriert und darf nur für das betreffende Paar verwendet werden. Nach
spätestens fünf Jahren müssen in der Schweiz kryokonservierte Eizellen
vernichtet werden.) Auch jeder weitere Versuch kann zu einer Schwangerschaft
führen, die Chance nimmt allerdings nach fünf IVF-Behandlungen ab. Immerhin:
«Kumulativ kommen wir mit allen Methoden zusammen an die fünfzig Prozent
heran», erklärt Nenad Pavic. «Rund jedes zweite Paar, das in der Schweiz
wegen Kinderlosigkeit ärztliche Hilfe sucht, kann damit rechnen, mit einem
Buschi heimzugehen.» Das alles
ist zeitaufwendig. Zusätzlicher Stress entsteht oft durch den Wunsch vieler
Paare, die Behandlung geheim zu halten. «Sterilität ist immer noch ein
Tabu», weiss Pavic. «Was Paare an gedankenlosen Sprüchen hören müssen,
ist erschreckend. Noch immer verwechseln viele Leute Sterilität mit Impotenz
und geben entsprechende Kommentare von sich.» Noch grösser als für Schweizer
sei der Stress der Kinderlosigkeit für ausländische Paare: «Die Frauen
aus dem Süden kommen früher und schneller, schon mit 25 Jahren, schon
nach zwei bis drei Jahren kinderloser Ehe.» Zu alldem kommen die Kosten:
Fünftausend bis siebentausend Franken kostet die IVF-Behandlung für einen
Zyklus, und anders als in Frankreich oder Deutschland bezahlen die Krankenkassen
in der Schweiz nicht. Was tun Paare, die nur mit Hilfe einer Eizellspende, die in der Schweiz verboten ist, ein Kind zeugen könnten? «Die Leute sind gut informiert, auf dem Internet findet man alles», weiss Jean-Claude Spira. In vielen Ländern ist erlaubt, was in der Schweiz verboten ist - etwa Eispende, Leihmutterschaft, Präimplantationsdiagnostik -, und manchmal bekommt das Kinderwunschzentrum dann einen Brief aus dem Ausland mit Bitte um Zustellung aller medizinischen Unterlagen. «In Griechenland oder Belgien, in Israel und in den Vereinigten Staaten gibt es durchaus seriöse Adressen - natürlich kommt die Sache dann erheblich teurer.» Verbot
würde viele ins Ausland treiben Welches ist der schönste Moment im Berufsleben eines Reproduktionsmediziners? «Wenn s Buschi da ist», sagt Nenad Pavic. «Wenn ich einem Päärli geholfen habe, das Problem Kinderlosigkeit zu lösen, mit oder ohne Kind», ergänzt Jean-Claude Spira. Und was ist der traurigste? Hier sind sich beide einig: «Wenn ein Paar unzufrieden von uns weggeht. Ohne Kind und ohne Lösung.» |
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