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FACTS, Ausgabe vom 18. Juni '98

Wunschkinder aus dem Glas

Rund 400 künstlich gezeugte Kinder kamen letztes Jahr in der Schweiz zur Welt. Doch der In-vitro-Fertilisation droht das Aus.

Von Lisa Inglin

In der endokrinologischen Klinik des Zürcher Universitätsspitals bereitet das Team des Leitenden Arztes Bruno Imthurn einen Embryotransfer vor: Ein Biologe holt zwei befruchtete, tiefgefrorene Eizellen der Patientin S. aus dem Stickstofftank und taut sie nach einem speziellen Verfahren auf. Die Patientin liegt auf dem Rücken, und Imthurn versucht ihr die beiden Embryonen mit einem Katheter in die Gebärmutter zu übertragen. Das wäre an sich nicht schmerzhaft, aber die Patientin ist vor Aufregung so verspannt, dass der Arzt die Embryonen nicht einführen kann.

Ein schwieriger Moment im Alltag der modernen Fortpflanzungsmedizin. Denn zu den medizinischen und psychologischen Problemen kommen juristische hinzu: Was soll nun mit den Embryonen passieren? Nach geltendem Verfassungsartikel darf man zwar Vorkerne, nicht aber Embryonen einfrieren, die innert 24 Stunden bei der Zellteilung entstehen. Ein verbindliches Gesetz ist noch nicht in Kraft. Imthurn telefoniert mit dem Bundesamt für Justiz und erhält die Genehmigung, dass er in dieser speziellen Situation die Embryonen nicht vernichten muss, sondern ein zweites Mal einfrieren darf. Das Wunschkind erhält nochmals eine Chance.

Trotz fehlender Gesetze und weit verbreitetem Misstrauen hat sich die Fortpflanzungsmedizin in den letzten drei Jahren sprunghaft entwickelt: Sechzehn Kliniken oder spezialisierte Privatpraxen realisieren heute die Zeugung ausserhalb des Mutterleibs, rund 400 Kinder kamen im letzten Jahr dank dieses Angebots auf die Welt. Etwa einhundert weitere Schweizer Babys erlebten ihre erste Zellteilung im benachbarten Ausland, die meisten davon im Institut für Reproduktionsmedizin in Bregenz. Diese Entwicklung könnte im nächsten Jahr ein abruptes Ende finden, wenn das Schweizer Stimmvolk die Initiative für eine menschenwürdige Fortpflanzung annähme.

Nathalie Moser, 28, aus Corsier VD, empfindet bereits den Namen dieser Initiative als Affront. «Als ob wir etwas Menschenunwürdiges getan hätten.» Sie und ihr Mann Jean-Luc, 31, sind Eltern zweier kleiner Buben, die beide nach dem neuesten medizinischen Verfahren der Intrazytoplasmischen Spermien-Injektion (ICSI) im Labor gezeugt wurden. Nach der Geburt des zweiten Kindes gründete Nathalie Moser eine Selbsthilfegruppe und ist nun Anlaufstelle für viele Paare in ähnlichen Situationen.

Schon mit zwanzig Jahren wusste Nathalie Moser, dass ihre Fruchtbarkeit wegen Zysten auf den Eierstöcken eingeschränkt ist. Wirklich niederschmetternd war erst das Resultat der Spermienprobe ihres Mannes: zu wenige und zu langsame Spermien. Sie könnten es vergessen, eigene Kinder zu haben, sagte ihnen der Arzt. Das junge Paar durchlebte Phasen grosser Traurigkeit, wollte seine Situation aber doch ändern. 1993 unternahmen sie am Universitätsspital in Lausanne den ersten Versuch einer In-vitro-Fertilisation mit Spermien-Injektion. Das Verfahren war damals noch in der Versuchsphase. Beim zweiten Versuch wurde Nathalie Moser schwanger, am 15. Dezember 1995 kam Nicolas auf die Welt. Trotz des Erfolgs haben Mosers die Behandlungszeit am Universitätsspital nicht in guter Erinnerung. «Dort sind fünf Ärzte und Ärztinnen nur mit In-vitro-Fertilisationen beschäftigt, es ist wie am Fliessband», sagt Jean-Luc Moser. «Ich wurde als Person gar nicht wahrgenommen, ich hatte nur den Samen abzuliefern.» Nathalie Moser erinnert sich an die schwierigen Momente, als sie am Telefon auf den Bericht des Schwangerschaftstest wartete, während die Laborantin offenbar eine endlose Liste durchforstete, bis sie vom Blatt las: «Moser, negativ.»

Mathieu, der zwei Jahre jüngere Bruder von Nicolas, entstand im Labor des privaten Centre Vanderlinck-Montchoisi ebenfalls in Lausanne. Medizinisch betreut wurde Nathalie Moser von einem Gynäkologen aus einem Nachbardorf, der mit dem Centre zusammenarbeitet. In diesem persönlicheren Umfeld konnte Nathalie Moser die Strapazen der Hormonstimulation besser durchstehen. Sollten Mosers die Familie noch erweitern wollen, sechs befruchtete Eizellen liegen im Stickstofftank in Lausanne bereit.

Durch die Selbsthilfegruppe weiss Nathalie Moser, dass die meisten Paare, die in einer Fruchtbarkeitsbehandlung sind, mit sehr wenigen Leuten darüber sprechen. Oft werden nicht einmal die engsten Angehörigen eingeweiht. Aus Angst, die Grosseltern könnten ein «künstliches» Enkelkind ablehnen oder das Kind würde später von seinen Kamerädchen als «Retortenbaby» gehänselt. Nathalie Moser ist mit ihrer Offenheit bis jetzt gut gefahren. Nur einmal schrieb ihr jemand anonym: «Haben Sie nie daran gedacht, ein Kind zu adoptieren? Schliesslich ist die Welt bereits überbevölkert.» Wäre die künstliche Befruchtung gescheitert, hätten sich Mosers auf die Warteliste für Adoptivkinder setzen lassen.

Mit gut gemeinten Ratschlägen, es gäbe doch auch ein erfülltes Leben ohne Elternschaft, ist den ungewollt Kinderlosen nicht gedient. So wenig wie mit Fragen in der Art: «Warum machst du denn das Ganze, wenn es so schlimm ist?»

Anne Catherine Kienast von der Patienten-Vereinigung Azote Liquide Bern wird mit dieser Problematik immer wieder konfrontiert: «Das Ganze ist technisch und kalt, aber man hat keine Alternative.» Die meisten Frauen würden nicht sofort mit einer Befruchtung im Labor beginnen, sondern zuerst Hormontabletten ausprobieren. «Nachher versucht man es mit Spritzen, dann vielleicht mit Insemination. Erst am Schluss steht die In-vitro-Fertilisation,» sagt Kienast. Ein grosses Anliegen ist ihr die Verbesserung der psychologischen Betreuung durch die Ärzte. Die Organisation kämpft auch dafür, dass die Krankenkassen die Behandlungskosten für In-vitro-Fertilisation, 4000 bis 9000 Franken pro Punktion, übernehmen. «Entzündet sich der Blinddarm, zahlt die Krankenkasse selbstverständlich die Behandlung, funktioniert aber der zwei Zentimeter entfernte Eileiter nicht, so muss die Patientin die Behandlungskosten selber tragen», sagt Kienast.

Trotz medizinischer Fortschritte kann ein unfruchtbares Paar nicht darauf zählen, dass die Behandlung das gewünschte Kind bringt. Durchschnittlich jeder vierte Versuch künstlicher Befruchtung ist erfolgreich. Trotzdem: Nur bei rund der Hälfte aller Paare führt, unabhängig von der Anzahl Versuche, die künstliche Befruchtung zu einem Kind.

Antonia, 40, und Hubert Birchler, 42, aus Willerzell SZ beschlossen vor einem Jahr, keine weiteren Therapien mehr zu machen und sich damit abzufinden, dass sie wahrscheinlich kinderlos bleiben werden. Sie stammen beide aus kinderreichen Familien, haben jung geheiratet, später ein Haus gebaut und sich auf Nachwuchs gefreut. Als sich dieser nicht einstellte, liess sich Antonia zweimal wegen Verwachsungen am Eileiter operieren, sechsmal probierten sie und Hubert eine künstliche Insemination, viermal eine In-vitro-Fertilisation. Es gibt keine medizinische Erklärung dafür, warum es bei ihnen nicht klappte. Vor dem Haus am Sihlsee stehen Kindervelos, man hört die Nachbarskinder rufen, es hat viel Platz und viel Natur. «Bei uns hätte es ein Kind so schön», sagt Antonia Birchler, «aber wenn es nicht kommen will, dann soll es halt anderswohin gehen.»

Antonia hat ursprünglich keinen Beruf gelernt, sie arbeitete als Serviertochter und in einer Druckerei. Als nach einigen Ehejahren immer noch keine Kinder da waren, begann sie eine Handelsschule und staunte, wie leicht ihr das Lernen fiel. Später machte sie eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin und arbeitet jetzt erfolgreich auf diesem Beruf. Kürzlich wurde sie in ein politisches Amt gewählt. Fast verschämt sagt sie: «Ich hatte eigentlich nie einen solchen Erfolg angestrebt. Zu jedem Zeitpunkt war ich bereit, bei einer Schwangerschaft alles aufzugeben.»

Trotz der Strapazen sind Hubert und Antonia froh, dass sie auch die Befruchtung im Reagenzglas versucht haben. In der Praxis von Peter Fehr in Schaffhausen fühlten sie sich sehr gut aufgehoben. «Ich empfand es als Chance, dass ich das noch probieren konnte. Rückblickend habe ich es als schöne, hoffnungsvolle Zeit erlebt», sagt Antonia Birchler. Natürlich sei sie in ein Loch gefallen, als die Monatsblutung doch einsetzte. «Aber diese Enttäuschung erlebte ich fünfzehn Jahre lang jeden Monat.»

Für Heidi, 42, und Fritz, 47, Zimmermann aus Schwändi GL liegt die Zeit, als sie manchmal täglich zur Fruchtbarkeitsbehandlung ans Universitätsspital Zürich fahren mussten, schon eine Weile zurück. Ihre dank In-vitro-Fertilisation zur Welt gekommene Tochter Marion wird bald sieben Jahre alt. Heidi Zimmermann denkt nicht, dass sie sich dem Mädchen gegenüber anders verhält als jede Mutter, die ihr Kind liebt. «Ich empfinde grosse Dankbarkeit.» Zwei Jahre nach Marions Geburt versuchten Zimmermanns auf die gleiche Weise ein zweites Kind zu bekommen, doch nach drei Behandlungszyklen gaben sie auf. «Die Belastung durch die künstlichen Hormone wurde mir zu viel, der Körper macht das nicht lange mit», sagt Heidi Zimmermann. Die Familie Zimmermann hat aus der Entstehungsgeschichte von Marion nie ein Geheimnis gemacht und hat sich auch öffentlich Fragen gestellt. Marion kann noch nicht genau erklären, warum eine Fotografin extra wegen ihr aus Zürich kommt. Sie weiss nur, dass sie ganz bestimmt ein Wunschkind ist.