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Tages Anzeiger vom 22. Februar 2000
Seite Wissen

Die Befruchtung wird zum Akt im Labor

Was Reproduktionsmediziner alles tun, damit unfruchtbare Paare eigene Kinder haben können.

Von Barbara Reye

Sie sind dick und prall. Drei an der Zahl. Reif fürs Absaugen. Die Therapie hat angeschlagen, die Hormone haben gewirkt. Mit einer Hohlnadel wird ein Follikel nach dem anderen angestochen und entleert: Die Eizelle kommt heraus - aus dem Mutterleib in ein Reagenzglas zusammen mit etwas Follikelflüssigkeit.

Auf dem Monitor des Ultraschallgeräts am Universitätsspital Zürich sind 15 Minuten später keine Follikel mehr zu sehen. Die Operation ist beendet. Und die narkotisierte Patientin wird in den Aufwachraum gebracht. Im Labor gleich neben dem OP-Raum werden die frisch entnommenen Eizellen sofort unter dem Mikroskop untersucht. Danach werden sie auf ein Glasschälchen mit Nährmedium getan und im Brutschrank bei 37 Grad Celsius in einer wasserdampfgesättigten und kohlendioxidangereicherten Atmosphäre aufbewahrt. Für die Patientin beginnt nach dem gynäkologischen Eingriff eine ungewisse Zeit. Wird sie schwanger werden? Bald ein eigenes Kind haben? Oder muss sie das ganze Prozedere nochmals durchmachen? Sie besitzt nur einen Eierstock, und der Eileiter ist auf Grund einer Infektion verklebt. Ohne Hilfe der Fortpflanzungsmedizin wäre die Chance auf eine Schwangerschaft praktisch aussichtslos.

Wettlauf der Spermien
Mit Mundschutz, Haarhaube und OP-Bekleidung bereitet die Laborantin Marika Borsos kurz nach der Eizellentnahme das Ejakulat des Partners der behandelten Patientin auf. Zuerst wird das verflüssigte Sperma zehn Minuten lang in einer Zentrifuge geschleudert und danach durch ein spezielles Substratgemisch filtriert. Auf diese Weise bleiben unbewegliche Spermien, Infektionserreger und schädliche Stoffe auf der Strecke: Nur gereinigte und gut bewegliche Samenzellen treten den Endspurt an. So rast eine Schar von 100 000 Spermien zum biologischen Ziel - der Eizelle.

Fast 22 Jahre nach der Geburt des ersten Retortenbabys, Louise Brown, am 25. Juli 1978 in Oldham sind solche Behandlungen reine Routine. Allein in der Schweiz wurden seit 1993, der Einführung einer genauen Erfassung durch das Nationale Register FIVNAT-CH, rund 3000 Kinder mit Hilfe der Reproduktionsmedizin geboren. "Ein Ja zur Initiative würde sie diskriminieren und das Thema Unfruchtbarkeit weiter tabuisieren", sagt der Reproduktionsmediziner Bruno Imthurn vom Universitätsspital Zürich. "Ein Missbrauch dieser Techniken ist auf Grund des neuen, auch im weltweiten Vergleich äusserst strengen Fortpflanzungsmedizingesetzes und des bereits bestehenden Verfassungsartikels sowiesoausgeschlossen."

Während bei dem klassischen IVF-Verfahren die Natur selbst die "Sieger"-Samenzelle aussucht, wird bei der ICSI-Methode unter dem Mikroskop bei 400facher Vergrösserung ein besonders mobiles und somit befruchtungsfähiges Spermium auserkoren. Eine Pipette hält die Eizelle mit einem sanften Unterdruck fest, sodass das auserwählte Spermium in die Eizelle injiziert werden kann. Auch unfruchtbare Männer können mit dieser Methode noch Vater werden: Reife Samenzellen aus den Hodenreichen aus.

Nach einer IVF oder ICSI sind Ei- und Samenzelle zwar vorerst vereint, aber noch nicht ihre beiden Chromosomensätze. Erst einen Tag später entwickelt sich aus dem so genannten Vorkernstadium im Wärmeschrank ein Embryo: Genauer gesagt, ein durchsichtig glänzender Haufen aus zwei bis vier Zellen. Bevor diese dann in die Gebärmutterhöhle übertragen werden, wird der Zellklumpen nochmals unter dem Mikroskop begutachtet: Wie klar ist er? Hat er eine gleichmässige Form? Gibt es irgendwelche Auffälligkeiten, die vielleicht zu einem sofortigen Abgang führenkönnten?

Eingefrorene Zellen
"Bei uns hat es gleich beim ersten Mal geklappt", berichtet eine 33-Jährige ICSI-Patientin aus Schübelbach, die jetzt einen drei Monate alten Säugling hat. "Wir hatten grosses Glück." Da die Behandlung jedoch nicht immer auf Anhieb positiv ausfällt, wird ein Teil der befruchteten Eizellen für spätere Transfers eingefroren. "Unsere Tochter kommt aus der eisigen Kälte", sagt eine heute 46-jährige Mutter aus Magliaso. "Es war ein aufregender Moment, als uns der Arzt endlich mitteilte, dass ihr Herz schlägt. Jetzt ist sie acht Jahre alt und geht in die dritte Klasse. Ein ganz normales Kind."

In einer Ecke des IVF-Labors stehen ganz unscheinbar Kühlbehälter sowie ein computerkontrolliertes Gefriergerät. "Die Schwierigkeit ist nicht die Kälte an sich, sondern der Vorgang des Einfrierens", erkärt Bruno Imthurn. "Damit die befruchtete Eizelle dabei möglichst wenig beschädigt wird, muss es langsam und schrittweise gehen. Das ist wichtig." Bis minus fünf Grad Celsius bleibt sie auf Grund ihres Salzgehaltes noch völlig intakt. Unterhalb dieser Temperatur bilden sich dann nach und nach Wasser- und Salzkristalle. Dies führt dazu, dass sie behutsam entwässert und auf "Eis" gelegt wird. Maximal kann sie fünf Jahre im Lagerbehälter verweilen.

Der Raum wirkt kühl und ist es doch nicht. Das Surren der Geräte wird angenehm übertönt. Ein Kassettenrekorder spielt klassische Musik. Ein schönes Violinkonzert.

Künstliche Befruchtung
Dass ein Paar ungewollt kinderlos ist, kann viele Ursachen haben. Bei der Frau kann beispielsweise der Eileiter auf Grund einer bakteriellen Infektion verschlossen sein. Manchmal sind aber auch Eileiter, Eierstöcke oder Gebärmutter fehlgebildet. Auch hormonelle Störungen können der Grund für die Unfruchtbarkeit sein, da die Eizellreifung in den Follikeln nicht richtig funktioniert.

Beim Mann können die Spermien etwa als Folge einer Infektion wie Mumps missgebildet oder nicht in ausreichender Menge vorhanden sein. Zudem tragen bakterielle Verunreinigungen, Hodenhochstand, Krampfadern am Hoden, Verschluss oder Fehlen der ableitenden Samenwege zur möglichen Sterilität des Mannes bei.

Ausserdem können beim Mann sowie bei der Frau Abwehrreaktionen gegen die Samenzellen entstehen oder Chromosomenanomalien auftreten. Je nach Ursache der Sterilität werden unterschiedliche Verfahren gewählt - oder es wird von einer Behandlung sogar ganz abgeraten.

Liegt das Problem an der schlechten Samenqualität hilft keine klassische In-vitro-Fertilisation (IVF) mehr, bei der sich die Spermien im "Reagenzglas" von selbst auf die Eizelle zu bewegen. In solchen Fällen wird das Verfahren der Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) angewendet. Dazu wird ein einziges Spermium ausgewählt und mit einer Hohlnadel direkt in die Eizelle gestochen. Es findet also keine natürliche Selektion wie bei einer IVF mehr statt. Bei beiden Methoden werden die Embryonen dann in die Gebärmutterhöhle übertragen. Nach dem Transfer liegt die Schwangerschaftsrate im Durchschnitt weltweit bei 20 bis 30 Prozent. Deshalb ist es sinnvoll, befruchtete Eizellen für spätere Embryonen-Transfers einzufrieren: Die so genannte Kryokonservierung verkürzt die Behandlungszeit. Die Behandlung der Unfruchtbarkeit birgt aber auch gewisse Risiken. Bereits die Hormontherapie kann eine Überstimulierung der Eierstöcke hervorrufen, wodurch sich Flüssigkeit im Bauchraum bildet und Schmerzen auftreten. Später kann es neben Komplikationen bei der Entnahme der Eizellen zu Mehrlingsschwangerschaften und Fehlgeburten kommen. Eine Garantie für den Erfolg gibt es nicht. (bry)

 

Zusatzartikel

"Ohne Kryokonservierung wäre IVF weniger erfolgreich"

Sperma, befruchtete Eizellen oder gar menschliche Embryonen werden bei Temperaturen von minus 196 Grad Celsius konserviert.

Von Bernhard Epping

1984 wurde zum ersten Mal in Australien ein gesundes Mädchen geboren, das aus einem tiefgefrorenen Embryo entstand. Viele Länder erlauben seitdem die so genannte Kryokonservierung in frühen Embryonalstadien nach einer In-vitro-Fertilisation (IVF). Der Vorteil: Bleibt der erste Versuch einer Schwangerschaft erfolglos, können die Frauen beim nächsten Mal auf tiefgefrorene Embryonen zurückgreifen, was die Prozedur erheblich vereinfacht - und die Kosten der Behandlung senkt. Auch in der Schweiz kommt heute keines der 19 Zentren, in denen die IVF angeboten wird, ohne "Kühltruhe" und ohne flüssigen Stickstoff aus. Der Reproduktionsmediziner Martin Birkhäuser vom Inselspital in Bern: "Ohne Kryokonservierung wäre die IVF zwar denkbar, aber die Erfolgsaussichten wären schlechter."

Nach dem neuen Fortpflanzungsmedizin-Gesetz dürfen allerdings auch in der Schweiz wie in Deutschland keine menschlichen Embryonen mehr tiefgefroren aufbewahrt werden. Das neue Gesetz erlaubt hingegen die Kryokonservierung von befruchteten Eizellen. In diesem Stadium ist das Erbgut beider Keimzellen noch nicht miteinander verschmolzen.

Verschiedene Gefriermethoden
Vergleichsweise einfach ist heute die Konservierung der relativ anspruchslosen Spermien. Bereits 1953 gelang die erste Schwangerschaft nach einer Befruchtung mit kryokonserviertem menschlichen Sperma. Die Protokolle, nach denen Reproduktionszentren beim Konservieren von Sperma heute arbeiten, weichen nur noch in Details voneinander ab - etwa darin, welches Gefrierschutzmittel man zum Ejakulat gibt und wie schnell mit flüssigen Stickstoff auf minus 196 Grad Celsius abgekühlt und später wieder aufgetaut wird.

Schweizer Ärzte bieten die Kryokonservierung von Spermien Männern an, denen auf Grund einer medizinischen Behandlung die Unfruchtbarkeit droht - etwa Krebspatienten, die vor einer Chemo- oder Strahlentherapie stehen. Auch später können sich die Betroffenen so eventuell noch einen Kinderwunsch mit Hilfe einer "assistierten Reproduktion" erfüllen. Martin Birkhäuser: "Wir haben hier in Bern jeden Monat drei, vier Patienten, die auf dieses Angebot eingehen." Oft machten die Betroffenen später allerdings von ihren tiefgefrorenen Keimzellen gar keinen Gebrauch.

Der Spender behält das alleinige Verfügungsrecht. Der Vertrag zur Aufbewahrung muss jährlich von ihm erneuert werden. Stirbt er, wird sein Sperma vernichtet - strenge Regelungen, die laut Birkhäuser Missbrauch und Probleme verhindern, die in anderen Ländern heute an der Tagesordnung sind. Etwa in den USA, wo geschiedene Frauen mit ihren ehemaligen Gatten bereits Prozesse um das Verfügungsrecht auf deren tiefgefrorenen Samen führen.

Auch für befruchtete - im Fachjargon "imprägnierte" - Eizellen sind die Methoden der Kryokonservierung heute nichts Neues mehr. Im Durchschnitt sind nach einer IVF sechs befruchtete Eizellen in der Kulturschale. Tritt das neue Fortpflanzungsmedizin-Gesetz in Kraft dürfen nur noch maximal drei befruchtete Eizellen zu Embryonen weiterentwickelt werden. Bislang werden einer Frau in der Regel zwei Embryonen in die Gebärmutter zurücktransferiert. Vorausgesetzt, die Reproduktionsmediziner haben das Einverständnis der Eltern, werden die verbleibenden befruchteten Eizellen für weitere Transfers so lange aufbewahrt, bis die Behandlung erfolgreich beendet ist oder aber von dem Paar abgebrochen wird - maximal fünf Jahre. Denn im Durchschnitt kommt es nur in etwa jedem fünften Fall nach dem Einbringen von Embryonen in die Gebärmutter zu einer Schwangerschaft.

Krebspatienten helfen
Das Verfahren mit kryokonservierten befruchteten Eizellen birgt nach heutigem Kenntnisstand keine gesundheitlichen Risiken für das werdende Kind. "Die Missbildungsrate beim Einsatz von kryokonservierten befruchteten Eizellen liegt bei zwei Prozent - und ist damit so niedrig wie bei einer natürlichen Schwangerschaft", sagt Bruno Imthurn vom Universitätsspital Zürich.

Lieber wäre es vielen Schweizer Reproduktionsmedizinern, sie könnten unbefruchtete Eizellen konservieren und so bei Bedarf jederzeit eine IVF neu starten. Bruno Imthurn: "Wir könnten dann auf die aus ethischen Gründen immer wieder kritisierte Kryokonservierung der befruchteten Eizellen verzichten, was Gegnern der IVF noch mehr den Wind aus den Segeln nähme." Doch überleben unbefruchtete Eizellen eine Kryokonservierung nur schlecht. Insgesamt gelang es bis 1998 weltweit nur achtmal, Schwangerschaften mit solchen Eizellen zu erzielen - vier davon endeten im vorzeitigen Abort. Das Risiko, dass die Kinder Missbildungen haben, ist mit der angewendeten Methode viel zu hoch. Als einziges Zentrum in der Schweiz bietet das Zürcher Universitätsspital an, von Frauen Gewebeproben der Eierstöcke einzufrieren. Damit aus dem kryokonservierten Gewebe reife Eizellen entstehen, muss es der behandelten Frau erneut zurücktransplantiert werden. Frauen, denen wegen einer Operation, einer Chemo- oder Strahlentherapie der Verlust ihrer Fruchtbarkeit droht, sollen so in Zukunft die Option haben, sich später noch einen Kinderwunsch erfüllen zu können.

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